Räumliches Sehen – Definition und Erklärung

Um uns ideal in unserer Umgebung zurechtzufinden, sind wir auf das räumliche Sehen angewiesen. Erst so nehmen wir korrekt Entfernungen und Tiefen wahr. Aber wie funktioniert räumliches Sehen und kann es auch beeinträchtigt werden? Der folgende Artikel gibt Antworten.

räumliches sehen

Was ist räumliches Sehen?

Sie greifen nach dem Stift auf Ihrem Tisch – und bekommen ihn problemlos zu fassen. Diese Fähigkeit stellen wir selten infrage, dabei ist sie gar nicht so selbstverständlich. Nur dank räumlichem Sehen können wir mit Leichtigkeit einschätzen, wie nah, wie weit entfernt, wie groß und wie breit ein Objekt in unserer Umgebung tatsächlich ist – räumliches Sehen lässt uns unsere Umgebung dreidimensional wahrnehmen. Die Grundvoraussetzung für diese Fähigkeit sind zwei gesunde Augen. Dabei wird auf der Netzhaut (Retina) zunächst nur ein zweidimensionales Bild erzeugt. Wieso sehen wir dann also dreidimensional?

Wie funktioniert räumliches Sehen?

Das räumliche Sehen wird auch als stereoskopisches Sehen bezeichnet. Es bildet die höchste Form des beidäugigen Sehens (Binokularsehen). Einäugiges Sehen (Monokularsehen) hingegen ermöglicht nur eine scheinbare räumliche Wahrnehmung.

Das binokulare Sehen

Das binokulare Sehen kommt bei kurzen Distanzen zum Einsatz und funktioniert nur mit zwei koordinierten Augen. Diese betrachten einen Gegenstand jeweils aus einem leicht verschiedenen Winkel. Das bedeutet, dass auf die Netzhaut beider Augen ebenso ein etwas unterschiedliches Bild projiziert wird. Davon können Sie sich ganz einfach überzeugen: Halten Sie Ihren Daumen nah vor die Augen und kneifen Sie abwechselnd das linke und das rechte Auge zu – Sie werden sehen, dass der Daumen hin und her springt.

Das liegt an dem unterschiedlichen Fixationspunkt der Augen. Bei einem weit entfernten Objekt ist dieser Punkt des scharfen Sehens für beide Augen etwa gleich. Die beiden Blicklinien bilden einen Winkel, der umso größer wird, je näher das Objekt kommt. Um ein nahes Objekt scharf sehen zu können, muss sich das Auge nun mithilfe der Akkommodation auf nahe Distanzen scharf stellen. Das Auge verfügt über eine Muskulatur, die automatisch dafür sorgt, dass sich die Krümmung der Augenlinse an die Distanz des betrachteten Objektes anpasst. Je näher das Objekt, desto gekrümmter die Augenlinse.

Wie kommt nun das räumliche Sehen naher Objekte zustande? Beide Augen leiten die erhaltenen Informationen über den Sehnerv an das Gehirn weiter. Das Gehirn gleicht diese Informationen mit Gelerntem und Erfahrenem ab und erzeugt ein dreidimensionales Bild. Beim binokularen Sehen hilft dabei der Unterschied zwischen den von den Augen gelieferten Bildern: So nimmt das Gehirn leicht die räumliche Tiefe wahr, es erkennt also sehr genau, wie nah oder entfernt etwas von uns ist. Zusätzlich gibt der Grad der Akkommodation dem Gehirn Aufschluss über die Entfernung eines nahen Objektes. Die binokulare Wahrnehmung beschränkt sich auf eine Sicht von etwa sechs bis zehn Metern.

Das monokulare Sehen

Das Sehen mit nur einem Auge bezeichnet man als monokulares Sehen. Ein echtes räumliches Sehen ist damit nicht möglich. Jedoch treten andere – speziell psychologische – Mechanismen an seine Stelle, mit deren Hilfe Auge und Gehirn trotzdem Tiefe, Größe und Entfernung wahrnehmen können. Die Akkommodation der Augenlinse spielt auch hier eine wichtige Informantenrolle. Zusätzliche Informationen zur Tiefe und Platzierung von Objekten erhält das Gehirn durch das Wissen, dass Objekte, die andere Objekte abdecken, vor jenen platziert sein müssen. Auch Licht, Schatten und farbliche Abstufungen geben Erkenntnisse zur Räumlichkeit. So werfen Erhöhungen und Vertiefungen Schatten, und räumliche Körper haben eine bestimmte Helligkeitsverteilung auf der Oberfläche.

Die Perspektive bietet ebenso Hinweise auf Räumlichkeit. Dem Gehirn ist durch Erfahrungen bekannt, dass parallele Linien zu einem Fluchtpunkt konvergieren, je weiter sie entfernt sind. Scheinen sich Linien in der Ferne zu treffen, obwohl sich die Breite des Objektes erfahrungsgemäß nicht ändert (Beispiel: die Straße in der Abbildung), versteht das Gehirn dies als einen Tiefenhinweis. Sich bewegende Objekte ziehen schneller an einem vorbei, je näher man sich an ihnen befindet. In weiter Entfernung sieht man sie langsam vorüberziehen. Erfahrungen und Gelerntes spielen also für das räumliche Sehen eine wichtige Rolle. Das Gehirn nimmt all diese Informationen auf, verbindet sie miteinander und stellt uns daraus schließlich das Bild zusammen, das wir sehen.

Räumliches Sehen mit nur einem Auge?

Mit nur einem korrekt funktionierenden Auge ist räumliches Sehen de facto nicht möglich. Auge und Gehirn können sich hier nur an den Informationen des monokularen Sehens bedienen. Diese Informationen sind zwar weniger detailliert, aber dennoch reichen sie aus, dass Menschen ohne räumliches Sehen einen ganz normalen Alltag bestreiten können. Schwierigkeiten kann es jedoch bei feinmotorischen Arbeiten geben.

Quellen

Räumliches Sehen, Ruhr-Universität Bochum

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