Alternierendes Sehen: Der Goetheblick

Goethe war auf einem Auge kurzsichtig und auf dem anderen normalsichtig. Er nutzte beide Augen abwechselnd, sprich: alternierend. Das eine Auge nutzte er für die Fernsicht, das andere für die Nahsicht. Deshalb wird alternierendes Sehen auch als „Goetheblick“ bezeichnet. Dabei handelt es sich um eine Störung des beidäugigen Sehens. Mehr über Symptome, Ursachen, Behandlungsmöglichkeiten und -chancen lesen Sie hier.

Ist alternierendes Sehen eine Sehstörung?

Beim alternierenden Sehen werden die Augen abwechselnd genutzt, weil das Gehirn nicht in der Lage ist, ein gleichzeitiges Bild zu erzeugen. Beidseitiges Sehen ist somit nicht möglich. Nichtsdestoweniger ist alternierendes Sehen genau genommen keine Sehstörung, sondern eine Reaktion des Gehirns auf die unterschiedliche Fehlsichtigkeit beider Augen. Ist das eine Auge kurz- und das andere weitsichtig, nimmt das Gehirn eine Arbeitsteilung vor und ignoriert den Seheindruck des nicht genutzten Auges. In den meisten Fällen hat es gar nicht erst gelernt, die Seheindrücke beider Augen zusammenzubringen.

Wie äußert sich alternierendes Sehen?

Je nachdem, wie gravierend die Ungleichsichtigkeit (Anisometropie) beider Augen ist, äußert sich alternierendes Sehen in einer eingeschränkten räumlichen Wahrnehmung. Das heißt, dass Menschen, die abwechselnd nur mit einem Auge sehen, oft Schwierigkeiten damit haben, die Position eines Gegenstands zu erfassen. Dies kann zum Beispiel bei Ballspielen oder beim Autofahren problematisch sein. Darüber hinaus ist alternierendes Sehen keine bedrohliche Störung. Viele Menschen mit dem sogenannten Goetheblick wissen lange Zeit gar nicht, dass sie betroffen sind, weil sie überhaupt keine andere Art zu sehen kennengelernt haben. Auch Goethe selbst hat sich daran nie gestört, schließlich wurde er damit geboren. Angeblich konnte er sogar bis ins hohe Alter ganz ohne Gläser nah und fern gut sehen.

Wie kommt es zum Goetheblick?

Alternierendes Sehen ist auf verschiedene Formen von Fehlsichtigkeit zurückzuführen. In der Regel ist Ungleichsichtigkeit der Auslöser. Wenn ein Auge kurz- und das andere weitsichtig ist, werden dem Gehirn zwei Bilder unterschiedlicher Größe übermittelt, die es nicht zu einem Bild zusammenfügen kann. Es nimmt eine Arbeitsteilung vor und verarbeitet die Bilder getrennt: Das weitsichtige Auge übernimmt die Fernsicht und das kurzsichtige die Nahsicht.

Außer Anisometropie können auch bestimmte Schielerkrankungen (Strabismus) für alternierendes Sehen verantwortlich sein. In diesem Fall werden dadurch störende Doppelbilder vermieden. Diese Reaktion des Gehirns, das vom schielenden Auge übermittelte Bild einfach auszublenden, birgt die Gefahr einer Schwachsichtigkeit (Amblyopie). Das bedeutet, dass das nicht genutzte Auge mit der Zeit sehschwach wird, das beidäugige und dreidimensionale Sehen wird dauerhaft eingeschränkt.

Alternierendes Sehen: Behandlung und Chancen

Alternierendes Sehen kann nur behandelt werden, wenn die Fehlsichtigkeit beider Augen früh genug korrigiert wird. Geschieht dies nicht, muss sich der Betroffene in der Regel mit seiner Unfähigkeit, beidseitig zu sehen, arrangieren.

Zur Korrektur der Ungleichsichtigkeit sind Brillengläser nur bedingt geeignet. Ist das eine Auge weit- und das andere kurzsichtig, wirkt sich das auf die Beschaffenheit der Gläser aus: Einerseits führt es dazu, dass die Augen unterschiedlich groß wirken, andererseits wird eine einseitige Druckbelastung erzeugt, weil das Gewicht der Brille ungleichmäßig verteilt ist. Darüber hinaus führen Brillen mit verschiedenen Dioptrienwerten zu Netzhautabbildungen sehr unterschiedlicher Größe, was wiederum zu Störungen des Binokularsehens führen kann. Ab einer Brechwertdifferenz von drei Dioptrien werden Brillen deshalb gar nicht mehr eingesetzt. Besser geeignet für die Korrektur ungleicher Fehlsichtigkeit sind Kontaktlinsen. Unter bestimmten Umständen werden Laseroperationen durchgeführt.

Während alternierendes Sehen bei jungen Menschen als Einschränkung gilt, ist es für Menschen im zweiten Lebensabschnitt sogar eine Chance. Um Alterssichtigkeit zu korrigieren, nutzt die Medizin die Fähigkeit des Gehirns, den Seheindruck eines Auges selektiv auszublenden. Bei der sogenannten Monovision wird das alternierende Sehen bewusst herbeigeführt, indem ein Auge mit einer Kontaktlinse für die Nahsicht und das andere mit einer für die Fernsicht ausgestattet wird. Auch einseitige LASIK-Behandlungen zielen auf diesen Effekt ab. Im fortgeschrittenen Alter kommt es jedoch mitunter vor, dass das Gehirn nicht mehr so einfach auf die unterschiedlichen Seheindrücke beider Augen reagiert. Aus diesem Grund ist vor einer operativen Monovisionsbehandlung unbedingt festzustellen, ob die betreffende Person dafür geeignet ist. Der Test erfolgt mittels unterschiedlicher Kontaktlinsen, die alternierendes Sehen simulieren.

Alternierendes Sehen in Kürze

  • Alternierendes Sehen, auch Goetheblick genannt, bezeichnet die Unfähigkeit zum beidseitigen Sehen. Die Augen werden abwechselnd genutzt: das eine für die Nahsicht, das andere für die Fernsicht.
  • Ursache für diese Störung des beidseitigen Sehens ist meist eine Ungleichsichtigkeit der Augen. Wenn das eine Auge kurz- und das andere weitsichtig ist, blendet das Gehirn den Seheindruck des nicht genutzten Auges einfach aus. Auch Schielen kommt als Auslöser infrage.
  • Je nach Ausmaß der Ungleichsichtigkeit sind Menschen, die alternierend sehen, in ihrer räumlichen Wahrnehmung eingeschränkt.
  • Eine direkte Behandlung gibt es nicht. Nur die frühzeitige Korrektur der Fehlsichtigkeit kann helfen. Allerdings wird alternierendes Sehen in der Medizin auch zur Behandlung von Alterssichtigkeit genutzt (Monovision).

Quellen

Goethe-Blick, Frankfurter Rundschau
Monovisionsbehandlung, Breyer, Kaymak & Klabe Augenchirurgie
Wozu braucht der Mensch zwei Augen?, Augenärztliche Akademie Deutschland